Konflikte lösen, bevor es Streit gibt

Konflikte gehören zum Leben –
gute Lösungen auch

Reden statt Streiten

Index:

Grundsätzliches
Informationen zum Projekt
Kurse "Gespräch statt Streit"

Grundsätzliches

Nachbarschaft, Zusammenleben und –arbeiten, das Wohnen im Quartier hat viele gute Seiten: der Schwatz im Treppenhaus, das Fest auf dem Dorfplatz, der Jassabend, die gegenseitige Unterstützung in Notlagen, das Zusammenarbeiten als Team, das fehlende Ei für den Butterzopf ausleihen, Freundschaften, usw. Aber manchmal ist es mit dem lieben Nachbarn nicht so einfach: Es gibt Ärger, wenn die Kinder in der Wohnung über mir herumtoben, wenn es aus der Wohnung neben mir stinkt, wenn ich beim Verlassen meiner Wohnung über im Treppenhaus deponierte Dinge stolpere und Frau X mich noch nicht einmal grüsst. Ärger mit dem Abfall, Ärger in der Waschküche, Ärger über Vandalismus und das Nicht-Einhalten von Regeln, etc., etc. Und wird der Ärger zu gross, platzt mir oder dem Nachbar der Kragen und es gibt Streit. Oder ich schlucke den Ärger runter, geraten mit mir selbst in Streit oder lassen den Ärger an jemandem aus, der damit eigentlich nichts zu tun hat und es entsteht ein neuer Konflikt. Konflikte gehören zum Leben, streiten tun wir uns alle immer wieder.

Ob wir Streit haben oder keinen Streit haben ist deshalb die falsche Frage, denn den haben wir auf jeden Fall. Die Frage ist höchstens, wie wir mit Konflikten umgehen, was wir daraus lernen. Folgen eines Streites können negativ sein. Der Streit kann ausarten, wir sprechen nicht mehr miteinander, wir werden verletzt und verletzen andere, der Streit wird immer schlimmer und was eigentlich ganz klein angefangen hat, landet oft sogar bei der Polizei, beim Arzt oder vor Gericht. Streit kann aber auch einfach auf Probleme hinweisen, Erneuerung ermöglichen, Kommunikation fördern, Interesse anregen, uns als Partner, eine Gruppe oder Nachbarn festigen. Das alles jedoch nur, wenn wir uns zumindest einigermassen konstruktiv verhalten. Nicht konstruktiv verhalten wir uns in einem Streit immer dann, wenn wir hartnäckig auf der Schuldfrage beharren, und Schuld hat natürlich immer nur der andere. Und sowieso hätten wir eigentlich keine Konflikte, sondern immer nur die anderen. Das erschwert oder verhindert eine gute Lösung. Auch wenn es manchmal schwierig zu akzeptieren ist: Die Menschen haben unterschiedliche Einstellungen und Werthaltungen. Die Menschen sind nun mal so wie sie sind: es gibt keine anderen. Und nicht zuletzt: niemand ist perfekt. Wir alle machen immer wieder Fehler. Das vergessen wir oft. Stattdessen kritisieren, beschimpfen und beschuldigen wir die andern.

Konflikte in der Nachbarschaft gehören zum Alltag: Ärger über Lärm, herumliegenden Abfall, die Jugendlichen, die sich abends vor dem Einkaufszentrum treffen, Empörung über Velos, Kinderwagen oder exotische Essensgerüche im Treppenhaus, Unmut über nächtliche Besuche in der Nachbarwohnung, Streit zwischen verschiedenen Gruppen, die im Jugendtreff verkehren…

Vor gut zwei Jahren haben das Quartierzentrum im Tscharnergut und das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) mit dem Aufbau des Projekts chili im tscharni begonnen. Dank des Projekts sollen die Konfliktkultur gefördert und das Wohlbefinden der Quartierbevölkerung im Tscharnergut gesteigert werden.

Ziele und Inhalte von chili im tscharni sind:

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Miteinander sprechen statt streiten, ein neues Projekt

Wir werden oft mit Konflikten innerhalb der Bevölkerung konfrontiert. Es fehlt jedoch eine Anlaufstelle, welche professionelle Hilfe und Unterstützung bei der Bearbeitung von Streitigkeiten bietet.

Die Auflösung von bekannten Grenzen, Lebensweisen und Werten in der globalisierten Gesellschaft provoziert Verunsicherung. Das Fremde kann als Bedrohung wirken, das Ungewohnte kann Missverständnisse erzeugen.

In enger Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) wird mit unserem Projekt "chili im tscharni" ein fehlendes Angebot ergänzt und unter Berücksichtigung der quartierspezifischen Bedürfnisse eine Anlaufstelle aufgebaut, wo sich Quartierbewohnerinnen und -bewohner bei auftretenden Konflikten hinwenden können. Sie werden erfahren, dass Konflikte nichts Negatives sein müssen, dass sie bearbeitet werden können und eine Chance für Veränderungen bedeuten. Die Quartierbevölkerung wird ermutigt, Probleme offen anzusprechen, bevor sie in Frustration und versteckter oder offener Aggression ausarten und so das Zusammenleben massiv erschweren.

Die Bearbeitung der Konflikte soll neue Verständigungsmöglichkeiten hervorbringen, die Empathie und die Anerkennung von verschiedenen Wahrheiten in bezug auf das Fühlen, Wahrnehmen, Denken und Handeln fördern, sowie der Auseinandersetzung mit und dem Abbau von Vorurteilen und Feindbildern dienen.

Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner unterschiedlichster Herkunft sollen durch dieses Angebot einen Zugang zu einer Anlaufstelle haben, wo sie Ansprechpersonen, Hilfe und Beratung finden. Gemeinwesenarbeiter, HausabwartInnen sowie die in den Hausverwaltungen tätigen Personen wünschen sich Anregungen und Unterstützung in der Konfliktbearbeitung. Zum Beispiel auch darin, wie man "diffusen" Konflikten begegnet, Konflikten, die "zwischen Tür und Angel" angesprochen, aber nicht konkret angegangen werden.

In einer ersten Phase wird eine tragfähige Ausgangsbasis geschaffen, welche Voraussetzung ist, um in einer zweiten Phase eine Konfliktbearbeitungs-/Mediationsstelle für die Quartierbevölkerung aufzubauen und zu verankern. Dazu werden Kurse in konstruktiver Konfliktbearbeitung für "exponierte" Quartierbewohnerinnen und –bewohner und MultiplikatorInnen (VermieterInnen, AbwartInnen, Kinder- und JugendtreffleiterInnen, Eltern, usw., aber auch FunktionsträgerInnen und "wichtige" Personen von Vereinen, Gruppierungen) sowie Schlüsselpersonen ausländischer Herkunft durchgeführt. Dabei ist es uns ein wichtiges Anliegen Voraussetzungen zu schaffen, die es auch der ausländischen Bevölkerung erlauben, an diesen Kursen teilzunehmen, z. B. mittels Einbezug von Übersetzerinnen und Übersetzern. Diese Kurse sind auch als Weiterbildung für die jeweiligen Personen gedacht. Sie sollen dazu dienen, sich besser kennen zu lernen, Vertrauen zu entwickeln und sich mit Themen wie: Gefühle, Einfühlungsvermögen, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Respekt usw. auseinanderzusetzen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Kurse tragen so zu ihrer eigenen Integration bei und/oder sind eher bereit, andere zu integrieren.

Informationsveranstaltungen und Ausschreibungen welche in verschiedene Sprachen übersetzt werden, sollen eine breite Bekanntmachung und das Erreichen der ausländischen Quartierbevölkerung sicherstellen.

In einer zweiten Phase erfolgt der Aufbau und die Verankerung der eigentlichen Konfliktbearbeitungs-/Mediationsstelle. Dabei wird eine Mediatorin an ca. 4 Stunden pro Woche im Quartierzentrum Konfliktbearbeitung/Mediation anbieten. Es wird sich bei den zu behandelnden Konflikten zu Beginn wahrscheinlich in erster Linie um Konflikte handeln, die während der Kurse angesprochen wurden resp. ans Licht getreten sind. Die Mediatorin wird durch das SRK begleitet und unterstützt.

Durch eine Bedürfnisabklärung und die Zusammenarbeit mit Vertreterinnen aus dem Quartier und seinen Gruppierungen wird versucht, die Bedürfnisse der Quartierbevölkerung zu erfahren um eine Konfliktbearbeitungs-/Mediationsstelle ressourcenorientiert aufzubauen.

In den Kursen zur konstruktiven Konfliktbearbeitung analysieren die TeilnehmerInnen eigene aktuelle und vergangene Konflikte.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden ausserdem befähigt, neues Wissen, Erkenntnisse, Instrumente und Erfahrungen weiterzugeben und dadurch als MultiplikatorInnen zu wirken.

Es wird ein Konzept für gemeinsame Kurse der in- und ausländischen Bevölkerung entwickelt.

Projektorganisation

Projektleitung SRK

Regina Jakob

Projektleitung Quartierzentrum im Tscharnergut

Andreas Rohrbach und Otto Wenger

Eine Zusammenarbeit mit den lokalen Baugenossenschaften wird angestrebt.

Finanzierung

Das Projekt wird vom "Fonds für Menschenrechte und gegen Rassismus" unterstützt. Das Quartierzentrum im Tscharnergut und dessen Trägerverein finanzieren das Projekt durch Eigenmittel. Das Quartierzentrum im Tscharnergut ist in der vbg (Vereinigung für Beratung, Integration und Gemeinwesenarbeit der Stadt Bern) mit den anderen Quartierzentren der Stadt Bern zusammengeschlossen. Die vbg finanziert das Projekt durch einen Beitrag aus dem GWA-Pool (Projektpool für Projekte der Gemeinwesenarbeit) mit. Im Rahmen der Ausschreibung "Förderung der Integration von Ausländerinnen und Ausländern" hat auch die EKA einen Mitfinanzierungsbeitrag gesprochen.

Öffentlichkeitsarbeit

Das Projektteam arbeitet eng mit dem Bereich Kommunikation und Marketing des Departements Migration des SRK zusammen. Flyers, Prospekte, Dokumentationsmappen, Internet u.a. werden mit deren Unterstützung produziert.

Die Quartierbevölkerung wird mittels der Quartierzeitung "WulcheChratzer", Homepage, dem Veranstaltungskalender "events" und durch direkt in die Briefkästen verteilte Flyers erreicht.

Ausserdem sind persönliche Gespräche und Veranstaltungen mit entsprechender Publikation im Quartierzentrum ein wichtiger Teil der Öffentlichkeitsarbeit.

Auswertung

Die einzelnen Kurse in Konfliktbearbeitung werden jeweils unmittelbar nach der Durchführung mit einem Fragebogen ausgewertet.

Nach der ersten Phase ist eine interne Auswertung geplant, welche vor allem die Zufriedenheit der Zielgruppe, ihre Sensibilisierung für die Konfliktbearbeitung und die Bereitschaft für das Mittragen einer Mediations-/Konfliktbearbeitungsstelle auswerten soll.

Die letzte Auswertung nach Abschluss des Projekts prüft dann allgemein den Nutzen und die Wirkung, und macht Vorschläge in Bezug auf eine Weiterführung.

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"Gespräch statt Streit" – Kurse in konstruktiver Konfliktbearbeitung im Rahmen des Projekts "chili im tscharni"

1. Ziele und Inhalte der Kurse

Mit den Kursen sollte die Quartierbevölkerung für die Thematik sensibilisiert und Akzeptanz für das Thema Konfliktbearbeitung geschaffen werden. Zielgruppen waren "exponierte" QuartierbewohnerInnen und MultiplikatorInnen (VermieterInnen, AbwartInnen, Kinder- und JugendtreffleiterInnen, Eltern usw., aber auch FunktionsträgerInnen und wichtige Personen von Vereinen, Gruppierungen und Peergroups) sowie Schlüsselpersonen ausländischer Herkunft sein. Es wurde als wichtig erachtet, Voraussetzungen zu schaffen, die es den MigrantInnen erlauben würden, an diesen Kursen teilzunehmen, z.B. mittels Einbezug von ÜbersetzerInnen. Die Kurse waren auch als Weiterbildung für die jeweiligen Personen gedacht. Ein Ziel war, sich besser kennen zu lernen, Vertrauen zu entwickeln und sich mit Themen wie: Gefühle, Einfühlungsvermögen, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Respekt usw. auseinandergesetzt zu haben. Es wurde angenommen, dass in den Kursen auch Konflikte ans Tageslicht treten würden, da die Analyse eigener aktueller und vergangener Konflikte ein Teilinhalt sein sollte. Durch den dadurch stattfindenden Perspektivenwechsel und das Erlangen von Empathie sollte ein aktiver, friedensfördernder Prozess injiziert werden. Die TeilnehmerInnen würden ausserdem befähigt, neues Wissen, Erkenntnisse, Instrumente und Erfahrungen weiterzugeben und dadurch als MultiplikatorInnen zu wirken.

2. Verlauf der Kurse

In der ersten Phase war die Durchführung von zehn Kursen geplant. Anfangs wurde das Angebot in der Quartierzeitung publiziert. Ausserdem wurden Flyer aufgelegt und an ausgewählte Personen und Institutionen in Bern-West verschickt. Darauf folgten wenige Anmeldungen. Durch persönliches Ansprechen von Schlüsselpersonen und Vorstellen des Angebots bei denselben, fanden schlussendlich zwölf Kurse statt. Es wurden Kurse mit den folgenden Institutionen durchgeführt: Mütter-Zentrum (Mü-Ze), Tagesstätte für Schulkinder, Quartierzentrum, Kindertreff, Mieter und Quartierverein (MQV), Vorstand Quartierzentrum im Tscharnergut (VQZT), Frauentreff, Beirat des Projekts "chili im tscharni", Werkstatt QZT, SeniorInnenrat, Hauswarte und LiegenschaftsverwalterInnen der fambau, MitarbeiterInnen der vbg, Jugendliche und Erwachsene des türkischen Kultur- und Folklorevereins..

Auszüge aus der Kursevaluation

Nach einer ersten Phase in welcher die Quartierbevölkerung für die Thematik sensibilisiert und Kurse in Konfliktbearbeitung angeboten wurden ist am 29. Oktober die Konfliktberatung fairhandeln eröffnet worden. Diese möchte einen konstruktiven Weg der Konfliktaustragung unterstützen: Konflikte offen ansprechen, bevor sie in Frustration oder Aggression ausarten. Nicht die Faust im Sack oder vor der Nase des Gegenübers machen, sondern aktiv etwas tun, um eine Lösung zu finden. Die Beratungsstelle möchte Sie darin unterstützen, eine Lösung zu finden die für alle stimmt und wo dies nicht, noch nicht oder nicht mehr möglich ist, Ihnen aufzeigen, wie Sie damit besser leben können oder an wen Sie sich weiter wenden könnten.

Flyer der Beratungsstelle "fairhandeln"

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Quartierzentrum im Tscharnergut

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Letzte Änderung: 29.05.08 18:12